Die Geschichte der Weinstadt Leibnitz

STADTGESCHICHTE

Leibnitz im Lauf der Jahrtausende von Gert Christian

Die südsteirische Bezirkshauptstadt und Weinstadt Leibnitz, in der Mitte des Leibnitzer Feldes, zwischen den Flüssen Mur und Sulm, liegt auf sehr altem Siedlungsboden. Schon von 4500 bis 2200 v. Chr. war in der Jungsteinzeit der nahe Frauenberg besiedelt. Eine große urnenfelderzeitliche Siedlung trug dieser Berg auch von 1200 bis um 750 v. Chr. .

Vor den Römern, in der Zeit der Kelten, von ca. 450 bis um Christi Geburt, war hier ein stadtähnlicher Zentralort mit dem Namen Solva entstanden, der dann um 15 v. Chr. in die Ebene verlegt wurde und der im Jahre 79 n. Chr. mit dem Namen Flavia Solva das römische Stadtrecht erhielt. Diese römische Provinzstadt war Verwaltungsmittelpunkt eines großen Territoriums in Ost-Noricum. Die Stadt war nach römischem Vorbild schachbrettartig angelegt und hatte etwa 3000 Einwohner, welche Handel und Gewerbe betrieben und die Verwaltung besorgten. Der heilige Bezirk mit den Tempeln lag auf dem Frauenberg, zu dem hin, quer über das Feld, eine lange Gräberstraße führte.

In den ersten Jahrzehnten des fünften Jahrhunderts zerstörten Germanenhorden die Stadt. Teile der Bevölkerung zogen sich auf den Tempelberg zurück und befestigten ihn, andere wanderten ab. Im siebenten und achten Jahrhundert siedelten sich einwandernde Slawen ebenfalls am Frauenberg an, gaben dem Ort den Namen Lipnizza (lipanizza = Lindenort) und machten ihn zu einem Gerichts- oder Versammlungsort. Die Linde (lipa) ist der Gerichtsbaum und der heilige Baum der Slawen.
Durch die karolingische Rechtsgründung um das Jahr 800 kam das Gebiet von Leibnitz politisch zu Bayern und kirchlich zum Erzbistum Salzburg. Auf dem ebenen Leibnitzer Feld, damals Hengistfeldon genannt, entstand der karolingische Ort Sulb, mit einer St. Martinskirche und einem Friedhof Sulb und lag im heutigen Stadtteil Altenmarkt am Ufer der Sulm. Dieser Ort an der Sulm trat die Rechtsnachfolge der römischen Stadt (Civitas) Flavia Solva an, die als Ruinenfeld (altslawisch – zuip), im Gelände sichtbar war.

Nach der Zerstörung in der Spätantike und der Neubesiedelung taucht 970 erstmals in einer Kaiserurkunde der Namen Leibnitz (Lipnizza) auf

Zu Beginn des zehnten Jahrhunderts vernichteten die einfallenden Madjaren die karolingische Besiedelung. Erst nach der Wiedereroberung der Weststeiermark für das römisch-deutsche Reich und der Erreichung der Mur als Ostgrenze dieses Reiches ließen die Erzbischöfe von Salzburg im elften Jahrhundert am nördlichen Bergsporn des Frauenberges die Burg Leibnitz erbauen. Dazu verwendete man Bausteine und Ziegel aus den Ruinenfeldern von Flavia Solva.

Um das Jahr 1140 wurde neben dem alten Ort Sulb, bzw. Sulpp, ein neuer Handelsmarkt angelegt, der, wie die Burg, auch den Namen Leibnitz erhielt.

1170 wird erstmals die Marktkirche St. Jakob genannt. Es ist die noch heute bestehende Stadtpfarrkirche zum hl. Jakobus der Ältere am Hauptplatz. In diesem Jahr 1170 weilte auch Kaiser Friedrich Barbarossa in Leibnitz. Er hatte in einer Fehde Erzbischof Adalbert von Salzburg bis hierher verfolgt. Vier Jahrhunderte lang blieb Leibnitz ein salzburgischer Ort. Von der Burg aus ließen die Erzbischöfe ihre großen Landbesitzungen in der neu entstandenen Steiermark verwalten.

Im Jahre 1218 wurde ein Teil der Burg auch Bischofssitz für die kleine neugegründete steirische Diözese Seckau.

Die Verwalter auf der Burg waren die Ritter von Leibnitz. Einer der Burggrafensöhne, Friedrich, wurde von 1315 bis 1338 Erzbischof von Salzburg. Der salzburgische Markt Leibnitz, mitten im habsburgischen Land, durfte nie mit einer Mauer umbaut werden. Er wuchs daher nicht so wie andere vergleichbare steirische Zentralorte. Am Ende des Mittelalters lebten hier nur etwa 600 bis 700 Einwohner. 1532 zerstörten die Türken unter dem Kommando ihres Sultans Soliman II, des Prächtigen, den Markt und töteten und verschleppten viele Bürger. Wegen wirtschaftlicher Schwäche, wegen Türkengefahr, Bauernunruhen und der neuen Lutherischen Lehre verzichtete das Erzbistum im Jahre 1534 auf die Landeshoheit über Leibnitz und andere Orte in der Steiermark.

1595 schenkte Erzbischof Wolf Dietrich von Raitenau das Schloss und den Markt dem steirischen Bischof und Gegenreformator Martin Brenner. Unter den steirischen Fürstbischöfen, die auf dem nun Seggau genannten Schloss residierten, siedelten neue Bürger im Markt.

1634 wurde das Kapuzinerkloster gegründet. Es entstand eine Baumeisterzunft, die im ganzen Land Aufträge erfüllte, sowie ein ausgeprägtes Fuhrgewerbe, das vor allem Wein verfrachtete.

Die Neuanlage der österreichischen Reichsstraße von Wien nach Triest im Jahre 1734 traf die Wirtschaft des Marktes schwer. Der alte, fast 3000 Jahre lang benutzte „Mitterweg“ – die sogenannte „Römerstraße“ – die durch den Ort führte, wurde aufgelassen. Leibnitz verkümmerte zu einem unbedeutenden Flecken. Erst mit dem Bau der österreichischen Südbahn von Wien nach Triest erhielt Leibnitz 1846 wieder einen überregionalen Verkehrsanschluss. Und mit der Neuordnung des österreichischen Staates nach dem Revolutionsjahr 1848 begann der wirtschaftliche Aufstieg durch die Erhebung zum Bezirksvorort des politischen Verwaltungsbezirkes Leibnitz.

1913 wurde der damals größte Markt des Kronlandes Steiermark von Kaiser Franz Joseph I. zur Stadt erhoben. Fünf Jahre später bestand die Gefahr, zur Grenzstadt im Süden der jungen Republik Österreich zu werden. Dieses Los traf andere Orte. Seither entwickelte sich Leibnitz kontinuierlich zum kulturellen und wirtschaftlichen Mittelpunkt, der Südsteiermark, mit Anschluss an die Phrynautobahn A9 und einer sehr günstigen Entfernung zum zentralen steirischen Flughafen Graz- Thalerhof.

Heute leben im Leibnitzer Stadtbereich und in den engangrenzenden Gemeinden 19.000 Menschen. Die Bezirkshauptstadt ist eine wichtige Handelsstadt und eine Schulstadt mit Gymnasien und anderen höheren Schulen, mit regem Kulturleben, rundumliegende Museen und antiken Sehenswürdigkeiten.

Die an die nahe Pyhrnautobahn (A9) angebundene Hauptstadt der „kleinen Toskana“ hat sich aber auch als echtes Zentrum des Tourismus entwickelt.

Die malerische Umgebung und der seit der Keltenzeit betriebene Weinbau sind weit über die Grenzen Österreichs ein Begriff geworden. Das flächenmäßige größte Weinbaugebiet der Südsteiermark liegt im Bezirk Leibnitz und ist für die hervorragenden Weine bekannt. Symbol für die Gegend ist der weithin sichtbare Klapotetz (vom slawischen klappotati = klappern) ein auf einer langen Stange aufmontiertes Windrad.